Sankt Jodokus

Neugestaltung, Anbau und Restaurierung der katholischen Kirche St. Jodokus
in Zusammenarbeit mit Prof. Norbert Radermacher, Bildhauer

Klosterplatz 1, 33602 Bielefeld
Bauherr Gemeinde St. Jodokus
Bearbeitung 12/2009 – 01/2013
BGF 1.130 m²
Baukosten inkl. Anbau, Innenausbau, Ausstattung, Kunstwerke 1,2 Mio. €
Baudenkmal 1511
ausgezeichnet mit
Deutscher Innenarchitekturpreis 2014 Anerkennung
Teamwork Bau 2013
Architekturpreis Farbe Struktur Oberfläche 2012
nominiert zum German Design Award 2014

Zum 500-jährigen Weihejubiläum entwickelten wir zusammen mit dem Berliner Bildhauer Prof. Norbert Radermacher für die katholische Kirche St. Jodokus im Rahmen eines Wettbewerbes und der darauffolgenden Beauftragung das neue gestalterische Konzept für die Sakralräume, die denkmalpflegerische Restaurierung und die Lichtgestaltung.

Die über die Jahrhunderte gewachsene Vielfalt der Räume und Bildwerke respektieren wir in ihrer Unterschiedlichkeit als besonderen Reichtum der spätgotischen Kirche. Unsere Ziele waren die Stärkung und klare Darstellung der vorhandenen Eigenheiten der Innenräume und Skulpturen und der rituellen Konzentration, die Betonung der räumlichen Qualitäten, ihrer Besonderheiten und liturgischen Bedeutungen, Bestimmungen und Abläufe. Für jede Figur, Nische, Farbe, jedes Möbel, jeden Gegenstand richteten wir den Entwurf aus an den Fragen nach der richtigen Stelle, dem Grad an Konzentration, der Intensität der Begegnung, dem richtigen Licht, der emotionalen und spirituellen Nähe, der Fernwirkung. Die gestalterischen Lösungen folgen dem Inhaltlichen. Mit der hohen Intensität der neuen Räume und der klaren Präsenz der Bildwerke unterstützen wir die Beziehungen innerhalb der Gemeinde und des Einzelnen zu diesem geweihten Ort.

Im barocken Consbruchschen Anbau ist die Hauptfigur die Pietà, sie ist dem Beichtraum vorangestellt und steht im Dialog zum Schmerzensmann. Beide Figuren verkörpern Schmerz und Trauer in direkter, emphatisch zu spürender Weise. Sie sind denen, die kommen, sehr nahe und Figuren des persönlichen Gebets oder Gedenkens. Das Anzünden einer Kerze an einer Heiligenfigur ist ein persönlicher Vorgang und sichtbarer Ausdruck einer stillen Zwiesprache. Jeder Kerze geben wir einen eigenen Raum als Wandnische mit Messingfutteral. Jede Flamme brennt für Wunsch und Gebet in diesem Raum. Zu festen Zeiten und nach Bedarf wird ein Teil des Anbaus als Beichtraum getrennt.

Der Chorraum des Hauptschiffes ist Konzentrationspunkt für die Liturgie der gesamten Gemeinde. Durch die Versetzung der Ikonenwand in die Franziskuskapelle öffnen wir den Chorraum und konzentrieren den Blick auf das sakrale Geschehen. Das goldgefasste, bemalte Kreuz hängt nun gezielt beleuchtet in Raummitte. Mit dem restaurierten und umgebauten Chorgestühl schließen wir den Altarraum nach hinten ab. Es „antwortet“ den Bänken der Gemeinde und nimmt mit ihnen den Altar in die Mitte.

Die Liturgie mit wenigen Personen findet im oktogonalen Chorraum statt.

Der Anbau für den neuen Tabernakel tritt als skulpturale Geste aus der gotischen Kirchenwand des Hauptschiffes nach außen auf den Kirchplatz, in die Stadt. Mehrfach gewölbte Wandscheiben bilden den Raum für die zwei Meter hohe Marmorsäule des neuen Tabernakels. Die Wandscheiben bieten an zwei Stellen Einblick von außen, zum einen auf den Tabernakel, zum anderen auf das Ewige Licht. Durch die Dachfuge zur gewölbten Wand fällt Tageslicht in den Innenraum und durchscheint die Oberfläche der Marmorskulptur, die Prof. Radermacher mit Verweis auf die jüdischen und alttestamentarischen Wurzeln des Christentums auf dem Grundriss eines 12 zackigen Sterns gestaltete.

Für die Schwarze Madonna, eine Holzskulptur mit Silbermaske haben wir eine Seitenkapelle umgeformt und blau gefasst. Skulpturensockel und Bank sind aus dem Sandstein des Bodens gebaut, die Sockel aller anderen Skulpturen im Zusammenhang der gekalkten Kirchenwände aus hellem Mineralwerkstoff.

Den Taufstein haben wir neu ausgerichtet, so dass der ihn umgebende Ort mehr Gewicht erhält. Er steht nun in einer Vertiefung des Kirchenbodens, als „Grundstein“ des christlichen Lebens.

Die Franziskuskapelle wird für Gottesdienste und Andachten kleinerer Gruppen, Schulklassen und für die tägliche „Aussetzung“ und Anbetung des „Allerheiligsten“ in einer bekannten Monstranz genutzt. Dafür formten wir die Bankreihen in konzentrischen Kreisen um den Altar und verstärken so persönliche Nähe und Gemeinschaft der Teilnehmenden. Die Gemeinde rückt zusammen, ist ganz nah am Altar und erstmals auch an der Ikonenwand, deren Bildtafeln nun aus der Nähe wie eine Geschichte in Bildern „gelesen“ werden können. Mittig in der Ikonenwand befindet sich der neue Tabernakel, der sich als zentrale Tafel in die Ikonenwand einfügt. Prof. Radermacher ließ die Tür aus 8000- jähriger Mooreiche fertigen und mit feinen Elfenbeinstreifen unterteilen.

Wir haben die Ikonenwand so umgebaut, dass sie zur Anbetung geschlossen wird. Die Ikonenbilder sind dann verdeckt und die Aufmerksamkeit wird auf die Monstranz konzentriert, die in einer Wandnische sichtbar wird. Der Tabernakel für das geweihte Brot ist nun ihn in seiner ganzen Form sichtbar und trägt die Monstranz mit der zum Leib Christi gewandelten Hostie.

Die neue Farbgestaltung mit starkem Hell-Dunkel-Kontrast und direktem Bezug zum Sandsteinboden weitet den Raum nach hinten und hebt die rituellen Orte heraus. Prof. Radermacher nimmt mit dem neuen Altar aus ortstypischem dunkelviolettem Sandstein mit der ovalen Form das Rund der Bänke auf. Mit dem aus einem Stück Messing geschnittenen, filigranen Ambo wiederholt er den Umriss des Altarovals.

Unsere Gestaltung verkörpert immer die Geste, zu der an den jeweiligen Orten eingeladen wird und macht in der Diskretion der abstakten Formen die Wärme einer begleitenden Anwesenheit spürbar.

 

MitarbeiterInnen
Sandra Rahm. Entwurfsplanung/Ausführungsplanung/Lichtgestaltung | Sandra Schröpfer. Visualisierung/Entwurfsplanung/Ausführungsplanung | Frank Schwenn.  Ausführungsplanung | Jörn Wähnert und Peter Paul Rychert.  Ausführungsplanung Außenhaut Anbau

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