St. Hedwig – Kathedrale Berlin

Realisierungswettbewerb – Neugestaltung Innenraum und bauliches Umfeld
in Zusammenarbeit mit Prof. Norbert Radermacher, Bildhauer

Hinter der Katholischen Kirche 3 | 10117 Berlin
Auslober Erzbistum Berlin | S. Em. Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki
Bearbeitung 2014

Anerkennung

„Ich bin das Licht der Welt“ Das Licht des Himmels sinnlich zu erfahren ist zentrales Thema unseres Entwurfs. Die Architektur der Hedwigs- Kathedrale ist wie ein Gefäß, das dieses Licht fasst und durch seine Öffnungen willkommen heißt. Das Licht wird zum bestimmenden Mittel der Neugestaltung des Kirchenraumes.

Kuppel Ganz direkt- dem Himmel nahe- geschieht das durch die große Öffnung im Zenit der Kuppel. Ein transparentes Folienkissen lässt den Blick zum Himmel frei und das Licht ungehindert und intensiv in den Kirchenraum fallen.

Oberflächen der Architektur Die durchgängig weißen und hellgrauen raumbildenden Elemente verstärken in ihrer Schlichtheit, Ruhe und Homogenität die Konzentration auf das Licht, die daraus resultierenden Schattenspiele, die Kunstwerke und die architektonische Sensation der großen Kuppel.

Kirchenfenster Neben dem zentralen Licht aus der Kuppel erhellen und dämpfen die insgesamt 14 großen neuen Kirchenfenster den sakralen Raum auf besondere Weise. Sie spenden Licht, verhüllen den Blick auf den profanen Außenraum und unterstützen Hinwendung und Konzentration auf das liturgische Geschehen. Die neuen Kirchenfenster bestehen aus zwei Ebenen. Die äußeren aus Klarglas, eingebaut in die Fensterleibungen, sind Wetterschutz und Lüftungsflügel. Im Innenraum sind den äußeren Kirchenfenstern frei stehende, transluzente Glaselemente vorgestellt. Sie fangen das Tageslicht und „stellen“ es, vom Boden beginnend, körperlich erfahrbar in den Raum. Und sie reflektieren Licht in die tiefen, konkaven Leibungen der Fensterbögen. Es entsteht ein fortwährendes, elegantes Spiel von Licht, Lichtreflexen und Schattierungen.

Kreuzweg Die neuen Kirchenfenster sind Ort der Verkündigung im Sinne  einer Jahrhunderte alten Tradition. Sie zeigen feine Linien, die in ihrer einfachen, zeichenhaften Form als Kreuzwegstationen freie Assoziationen zulassen. Mit dem Kirchenfensterzyklus von Prof. Norbert Radermacher erhält die Hedwigs- Kathedrale einen Kreuzweg, der innen wie außen betend und meditierend gegangen werden kann. Als Anstoß dazu dienen die außen jeweils unter den Fenstern in den Brüstungsstein gemeißelten Verben:  verurteilen | ertragen | fallen | begegnen | helfen | trösten | stürzen | weinen | verzweifeln | bloßstellen | foltern | sterben | erlösen | ruhen
Der Leidensweg Christi bekommt einen gewichtigen Platz an einem Ort, der mit dem Grab von Bernhard Lichtenberg besonders mit den Märtyrern des 2.Weltkrieges verbunden ist.

Mittelpunkt Das Tageslicht fällt aus der Öffnung der Kuppel durch den gesamten Kirchenraum bis auf den Boden der Unterkirche und verbindet Ober- und Unterkirche. Eine kleine Platte aus Gold im Mittelpunkt der Kirche reflektiert dieses Licht. Wie der Goldgrund von Ikonen und mittelalterlichen Altarbildern steht dieser Punkt für das göttliche Strahlen, für Hoffnung und Zuversicht.

Orientierung der sakralen Achse Die mittlere Öffnung des Bodens wird geschlossen. Als regelmäßiger Rundbau ist der Kirchenraum grundsätzlich ungerichtet. Die sakrale Achse wird nach Osten ausgerichtet. So wird das biblische Wort der „Umkehr“ im Moment des Betretens des Raumes vom Betrachter architektonisch herausgefordert: wir wenden uns in Gewissheit auf Erlösung nach Osten. Die Hinwendung zu Licht und Gott ist grundlegend. Auf der Sakralachse liegt der Altar als Konzentrationspunkt der Liturgie im Osten. In selber Blickrichtung schwebt über der Altarinsel in seiner Verletzlichkeit das brandgeschädigte Kruzifix, klar und frei im Raum. Durch die Ostung wird der Zugang zum Anbau mit der kleinen Kuppel für Besucher frei. Diesen bauen wir zur Kapelle um; sein Zugang liegt nicht länger hinter etwas, sondern öffnet sich sichtbar zur Hauptkirche.

Kapelle Durch Neubau der Sakristei im Untergeschoss zwischen Hedwigs- Kathedrale und Bernhard- Lichtenberg- Kapelle kann der kleine Kuppelbau als Seitenkapelle zur Feier der heiligen Eucharistie und zur Anbetung genutzt werden. Hier stehen Tabernakel und ewiges Licht, die schon beim Eintritt durch den Haupteingang am Ende der Mittelachse sichtbar sind. Die Innenarchitektur der Seitenkapelle ist ebenso wie die der Hauptkirche nach Osten ausgerichtet. Die Skulptur der Muttergottes mit Kind auf Mondsichel erhält ihren Platz in der Kapelle der Oberkirche. Das Blindfenster über dem Durchgang zur Hauptkirche eignet sich gut für die erhöhte, untersichtige Platzierung des hl. Petrus.

Himmel und Erde Der Kirchenbau wird von Nebenräumen befreit. Insbesondere die Unterkirche wird als Ort vielfältiger Religionsausübung für die Gemeinde kultiviert und frei gehalten. Die räumliche „Idealität“ der Kirche und das aus der Rundform sprechende Gemeinschaftsgefühl werden baulich gesteigert.  Die Decke zur Oberkirche wird erneuert und geschlossen; durch eine begehbar verglaste Bodenöffnung fällt das Licht der oberen Kuppelöffnung bis auf den Grund der Unterkirche. Um dieses Licht schließt sich der Altar der Unterkirche als großer Ring. Die Gebäudemitte wird auf ihrem Grund zum heiligen Ort, an dem sich Himmel und Erde berühren. Jeder hat teil am Altartisch, an dem der Priester an der Ostseite zelebriert und auf der gegenüberliegenden Seite in der Funktion des Ambos gelesen wird. Die Konzentration aller folgt dem Licht nach oben, allen persönlichen Glaubensinspirationen und Empfindungen offen. Wir öffnen den Gewölbekranz zur Raummitte zu einem strahlenförmigen Ring aus offenen Seitenkapellen. Der freie Blick in den Gewölbering gibt der Unterkirche Großzügigkeit. In den Gewölbekapellen werden Skulpturen mit Opferlichtplätzen so positioniert, dass sie vom Betrachter ungeblendet mit Seitenlicht wahrgenommen werden können. Um die ungewöhnlichen Wandstärken und Gewölbe der Unterkirche erfahrbar zu machen, legen wir das Mauerwerk frei. An den sichtbaren Vermauerungen wird die Präsenz der Gräber erfahrbar. Die Decke des zentralen Raumes wird ebenso wie sie neuen Säulen in Weißbeton ausgeführt. An die Unterkirche schließt sich die Lichtenberg- Kapelle an. In der Mitte der Lichtenberg- Kapelle steht die Pietá. Um sie verläuft ein Ring aus Opferlichtern. Die offenen Gewölbe der Grabkapellen umschließen ringförmig den Zentralraum mit ebenfalls ringförmig angeordneten Opferlichtstationen und Bänken für stilles Gebet, Andacht, Rückzug und Gedenken.

Die Hedwigs- Kathedrale beeindruckt durch ihre Bauform. Der Zentralbau mit Kuppel als Zitat des römischen Pantheons, repräsentiert antike Idealarchitektur. Unser Entwurf formuliert eine moderne Position für lebendige liturgische Praxis, stilles Gebet und Gedenken, für Sehnsucht nach Spiritualität und Transzendenz und Suche nach Bedeutung, Sinn und Wahrhaftigkeit. Der Umbau stärkt die Aura des Gebäudes und seine Anziehungskraft und gibt hinaus ein überzeugendes Bild einer aktuellen katholischen Position.

MitarbeiterInnen:
Patrycja Stal, Peter Rychert, Simone Pfeiffer, Daniel Knörr, Alejandro Baumüller

Beratung Lichtgestaltung und Tageslichtlenkung:
Studio Dinnebier | Dinnebier & Blieske

Beratung Statik und Kosten:
K+P Beratende Ingenieure

Visualisierungen:
Studio Fabian